
Polen, Tschechien, Ungarn: Warum Osteuropas Notenbanken beim Gold vorangehen
Während die Deutsche Bundesbank ihren Goldbestand seit Jahren nur verwaltet, kaufen die Notenbanken im Osten Europas Monat für Monat zu. Polen hat seine Reserven über die Marke von 600 Tonnen geschoben und will auf 700 Tonnen kommen, Tschechien arbeitet sich in kleinen Portionen an die 100 Tonnen heran, Ungarn meldet mit 110 Tonnen den höchsten Bestand seiner Geschichte. Dahinter steckt keine Modeerscheinung, sondern eine nüchterne Überlegung zur eigenen Sicherheit.
Warschau kauft, Berlin verwaltet
Es gibt Statistiken, die mehr über die Risikowahrnehmung eines Landes verraten als jede Regierungserklärung. Die Goldbestände der Notenbanken gehören dazu. Sie werden monatlich gemeldet, sie lassen sich kaum beschönigen, und sie zeigen eine klare Linie. Jene Länder, deren Region in den vergangenen Jahren am stärksten von politischer Unsicherheit geprägt war, bauen ihre Goldreserven am konsequentesten aus.
Die Polnische Nationalbank ist dabei zum Taktgeber geworden. Kein anderes Land legte im vergangenen Jahr mehr Gold in seine Reserven, und auch 2026 steht Warschau regelmäßig an der Spitze der monatlichen Käuferlisten. In der Übersicht des World Gold Council von Anfang August 2026 wird Polen mit gut 632 Tonnen geführt und liegt damit auf Rang zehn der weltweiten Rangliste, noch vor den Niederlanden. Die Bundesbank kommt auf rund 3.350 Tonnen, doch diese Zahl bewegt sich seit Jahren praktisch nicht.
Der Unterschied ist keine Frage der Größe, sondern der Richtung. Deutschland verwaltet einen Bestand, der in den Nachkriegsjahrzehnten gewachsen ist. Polen, Tschechien und Ungarn bauen einen Bestand auf, den sie in den 1990er Jahren fast vollständig verkauft hatten. Wer heute kauft, trifft eine aktive Entscheidung – und zwar zu Preisen, die historisch hoch sind.
Wie Polen zum größten Käufer der Welt wurde
Polens Goldpolitik ist eng mit dem langjährigen Notenbankpräsidenten Adam Glapiński verbunden. Seit 2018 kauft die Bank in Schüben, unterbrochen von Phasen der Zurückhaltung, aber ohne Kurswechsel. Der Bestand wuchs in dieser Zeit auf mehr als das Sechsfache. Anfang 2026 genehmigte die Notenbank den Ankauf weiterer 150 Tonnen, mit dem erklärten Ziel, bei 700 Tonnen anzukommen. Allein diese eine Tranche ist größer als der gesamte Goldbestand mancher großer Volkswirtschaft.
Bemerkenswert ist der Zeitpunkt. Ein großer Teil der Käufe fiel in ein Quartal, in dem der Goldpreis deutlich nachgab. Notenbanken versuchen nicht, den Markt zu treffen. Sie arbeiten Programme ab, die Jahre vorher beschlossen wurden. Genau das macht ihre Nachfrage für den Markt so verlässlich, und genau deshalb taugt sie nicht als kurzfristiges Kaufsignal für Privatanleger.
Die Begründung aus Warschau ist seit Jahren dieselbe. Gold sei ein Vermögenswert, hinter dem kein Schuldner steht, es hänge nicht von den Entscheidungen anderer Regierungen ab und habe sich in Finanzkrisen bewährt. Kritiker halten dagegen, dass dieselben Mittel in verzinsliche Anleihen fließen könnten, denn Gold zahlt bekanntlich keine Zinsen. Die Antwort der Notenbank lautet sinngemäß, dass ein Zinsertrag wenig nützt, wenn im Ernstfall der Zugriff auf das Papier fraglich ist. Dahinter steht eine Erfahrung, die seit 2022 jeder Reservemanager kennt: Guthaben auf Konten lassen sich politisch blockieren, Barren im eigenen Tresor nicht.
Der Anteil des Goldes an den polnischen Währungsreserven ist dadurch stark gestiegen, von knapp einem Sechstel auf über ein Viertel innerhalb von nur zwei Jahren. Kaum eine andere europäische Notenbank hat ihre Reserven in so kurzer Zeit so deutlich umgebaut. Wie sich diese Verschiebung weltweit fortsetzt, zeigt unser Beitrag zum Zentralbank-Survey 2026 und der Rolle des Dollars.
Prag und Budapest ziehen nach
Weniger spektakulär, in der Konsequenz aber mindestens so bemerkenswert ist der tschechische Weg. Als Aleš Michl 2022 Gouverneur der Tschechischen Nationalbank wurde, hielt das Land gut zehn Tonnen Gold, ein verschwindender Anteil am Gesamtportfolio. Michl kündigte an, den Bestand auf 100 Tonnen zu heben. Umgesetzt wird das nicht in großen Blöcken, sondern in kleinen, fast unauffälligen Tranchen. Anfang August 2026 lag der Bestand bei gut 72 Tonnen, rund 20 Tonnen mehr als ein Jahr zuvor.
Michls Begründung ist ungewöhnlich offen und weniger sicherheitspolitisch als schlicht kaufmännisch. Die Bank hatte jahrelang mit schwachen Erträgen auf ihre Devisenreserven zu kämpfen. Gold und Aktien sollen die Ertragslage verbessern und das Vermögen breiter verteilen, weil sie sich anders entwickeln als Staatsanleihen. Zwei Notenbanken, zwei Begründungen, ein Ergebnis: Warschau argumentiert mit nationaler Sicherheit, Prag mit dem eigenen Portfolio, und beide landen beim selben Metall.
Ungarn hat den vielleicht drastischsten Sprung hinter sich. Nach der Wende hatte die Ungarische Nationalbank ihr Gold bis auf einen symbolischen Rest von gut drei Tonnen verkauft, und dabei blieb es bis 2018. Dann kam die Kehrtwende in drei Etappen, zuletzt 2024 auf 110 Tonnen. Damit hält das Land nach eigener Darstellung die höchsten Goldreserven pro Kopf in der Region und hat Rumänien überholt, dessen Bestand seit Jahren unverändert bleibt. Ein kleinerer Teil des ungarischen Goldes lagert in London, der Rest im Inland.
In Budapest wird die Reservepolitik ausdrücklich mit der eigenen Geschichte verknüpft. Am Ende des Zweiten Weltkriegs brachten Mitarbeiter der Zentralbank rund 30 Tonnen Barren und Münzen - auf Schienen und in großer Eile - nach Österreich, um sie vor dem Zugriff der Kriegsparteien zu schützen. Nach der Rückkehr diente dieser Bestand als Sicherheit für die neue Währung. Wer diese Geschichte kennt, versteht, warum Gold dort nicht als Anlage, sondern als Versicherung diskutiert wird.
Die Bestände im Vergleich
| Land | Bestand | Richtung |
|---|---|---|
| Deutschland | Rund 3.350 Tonnen | Seit Jahren unverändert |
| Polen | Rund 632 Tonnen | Laufende Käufe, Ziel 700 Tonnen |
| Niederlande | Rund 613 Tonnen | Unverändert |
| Ungarn | 110 Tonnen | Rekordstand, gehalten |
| Rumänien | Rund 104 Tonnen | Seit Jahren unverändert |
| Tschechien | Rund 72 Tonnen | Laufende Käufe, Ziel 100 Tonnen |
Die Meldestände einzelner Notenbanken können je nach Quelle und Stichtag leicht abweichen. Grundlage sind offizielle Länderangaben und Daten des Internationalen Währungsfonds, die nicht alle Staaten vollständig und regelmäßig liefern.
Welche Erfahrungen hinter den Käufen stehen
Der gemeinsame Nenner der drei Länder liegt weniger in der Geldpolitik als in ihrer Geschichte. Polen, Tschechien und Ungarn haben im 20. Jahrhundert mehrfach erlebt, dass staatliches Vermögen verloren gehen kann, sei es durch Besetzung, durch eine Währungsreform oder durch eine Entscheidung von außen. Diese Erfahrung prägt bis heute, wie dort über Reserven gesprochen wird. Drei Entwicklungen der vergangenen Jahre haben sie erneut in den Vordergrund gerückt.
- Blockierte Guthaben: Seit 2022 ist erkennbar, dass Devisenreserven im Streitfall Gegenstand politischer Entscheidungen werden können. Gold im eigenen Land ist davon nicht betroffen.
- Die Inflationswelle: In Tschechien, Ungarn und Polen lag die Teuerung zeitweise im zweistelligen Bereich. Dass Anleihebestände real an Kaufkraft verlieren, war plötzlich kein theoretisches Szenario mehr.
- Allgemeine Unsicherheit: Je schwerer die weitere Entwicklung einzuschätzen ist, desto attraktiver wird für einen Reservemanager ein Bestand, der ohne die Mitwirkung Dritter verfügbar bleibt.
Diese Motivlage unterscheidet Mitteleuropa von den großen Käufern in Asien. China verfolgt vor allem das Ziel, den Dollar-Anteil seiner Reserven zu senken und eine Lücke zu schließen, die über Jahrzehnte entstanden ist. Nachzulesen ist das in unserer Analyse zu Chinas Goldreserven und der Nachfrage der Zentralbank. In Warschau, Prag und Budapest steht daneben ein zweiter Gedanke, nämlich die Handlungsfähigkeit in einer Krise.
Deutschland und der Bestand, der sich nicht bewegt
Die Bundesbank hält mit rund 3.350 Tonnen den zweitgrößten Goldbestand der Welt. Verändert hat sich daran seit Jahren wenig, abgesehen von kleinen Abgaben für die Münzprägung. Aus Sicht der Bundesbank gibt es dafür gute Gründe. Der Bestand ist historisch bereits sehr groß, der Goldanteil an den Reserven entsprechend hoch, und die Bank verweist auf die Stabilität ihrer bestehenden Struktur.
Die Debatte in Deutschland dreht sich deshalb nicht um die Menge, sondern um den Lagerort. Nach der teilweisen Rückholung aus New York und Paris in den Jahren 2013 bis 2017 liegt heute etwas mehr als die Hälfte des deutschen Goldes im Inland, der Rest bei der amerikanischen Notenbank und in London. Wie belastbar diese Konstruktion im Ernstfall ist, haben wir im Beitrag zu den deutschen Goldreserven und der Rückholung aus New York aufgearbeitet.
Die beiden Herangehensweisen lassen sich sachlich so gegenüberstellen. Deutschland optimiert einen bestehenden Bestand. Polen, Tschechien und Ungarn bauen einen neuen auf, weil sie ihre Ausgangslage für unzureichend halten. Beides sind legitime Positionen – nur eine davon erzeugt zusätzliche Nachfrage am Markt.
Was die Käufe für den Goldmarkt bedeuten
Notenbanken sind seit vier Jahren die verlässlichste Käufergruppe am Goldmarkt. Im Frühjahr 2026 erwarben sie weltweit knapp 290 Tonnen und damit so viel wie in keinem zweiten Quartal zuvor, angeführt von Polen und China. Über das gesamte Jahr 2025 hinweg entfielen rund 17 Prozent der weltweiten Goldnachfrage auf die offiziellen Institutionen.
Interessant ist der Kontrast zum Verhalten vieler Privatanleger. Während aus den börsengehandelten Goldfonds im zweiten Quartal Geld abfloss und die Schmucknachfrage schwächelte, kauften die Notenbanken in einen fallenden Preis hinein. Wenn ein einzelnes Land wie Polen in einem Halbjahr mehr als 80 Tonnen aufnimmt, ist das kein Randposten, sondern ein spürbarer Teil des verfügbaren Angebots. Anders als die Bestände von Fonds kommt dieses Metall in der Regel auch nicht kurzfristig an den Markt zurück.
Was Privatanleger daraus mitnehmen können
Eine Preisprognose lässt sich aus dem Verhalten von Notenbanken nicht ableiten. Wer im Frühjahr 2026 allein wegen der starken Nachfrage der Zentralbanken gekauft hat, blickte wenige Wochen später auf einen deutlich niedrigeren Kurs. Reservemanager denken in Jahrzehnten, nicht in Quartalen, und sie müssen anders als ein privater Haushalt nie kurzfristig an ihr Geld.
Was sich sehr wohl ableiten lässt, ist die Begründung. Institutionen mit den besten Lageeinschätzungen und mit ganzen Abteilungen für Risikoanalyse entscheiden sich bewusst für einen Vermögenswert, der ohne Gegenpartei auskommt. Diese Argumente gelten im kleineren Maßstab auch für einen privaten Bestand. Ein Barren oder eine Münze im eigenen Zugriff kennt keinen Schuldner, der ausfallen kann. Auch die tschechische Notenbank kauft in Tranchen, statt auf den perfekten Einstieg zu warten, und selbst sie verteilt ihre Bestände auf mehrere Standorte. Und Gold bleibt in jeder Notenbankreserve ein Baustein neben Devisen und Wertpapieren, nicht die gesamte Rücklage.
In der Praxis greifen Privatanleger überwiegend zu Goldmünzen und Goldbarren in gängigen Größen. Weltweit etablierte Anlagemünzen wie der Krügerrand oder der Maple Leaf sind überall bekannt und lassen sich entsprechend leicht wieder verkaufen. Kettner Edelmetalle ist offizieller deutscher Partner der South African Mint und prüft jede Lieferung nach genormten Verfahren auf Echtheit.
Die Zielmarken der drei Länder sind gesetzt und öffentlich bekannt. Polen will 700 Tonnen erreichen, Tschechien 100 Tonnen, Ungarn hat sein Ziel vorerst erreicht, schließt weitere Schritte aber nicht aus. Daraus ergibt sich über die kommenden Jahre eine planbare zusätzliche Nachfrage aus einer einzigen europäischen Region, unabhängig davon, wo der Goldpreis gerade steht. Die jährliche Umfrage unter Reservemanagern zeigt zudem, dass eine große Mehrheit weltweit mit weiter steigenden Goldbeständen der Notenbanken rechnet. Mitteleuropa ist damit kein Sonderfall, sondern die sichtbarste Ausprägung eines breiteren Trends.
Für Beobachter in Deutschland bleibt eine nachdenkliche Feststellung. Notenbanken, die ihre Lage besonders sorgfältig prüfen, setzen einen wachsenden Teil ihrer Reserven auf ein Metall statt auf Forderungen auf Papier. Das ist keine Empfehlung und keine Prognose, sondern eine Information. Aber sie ist in dieser Klarheit selten.
Häufige Fragen
Wie viel Gold hält die polnische Nationalbank aktuell?
Anfang August 2026 wurden gut 632 Tonnen gemeldet, was Rang zehn der weltweiten Rangliste entspricht. Die Bank hat den Ankauf weiterer Mengen genehmigt und arbeitet auf 700 Tonnen hin. Da die Bestände monatlich gemeldet werden, können aktuellere Werte davon abweichen.
Warum kauft Polen so viel Gold?
Die Notenbank begründet ihre Käufe damit, dass hinter Gold kein Schuldner steht, dass es nicht von den Entscheidungen anderer Regierungen abhängt und sich in Finanzkrisen bewährt hat. Hinzu kommt die historische Erfahrung des Landes mit Vermögensverlusten in Krisenzeiten. Guthaben auf Konten unterliegen den Entscheidungen der jeweiligen Verwahrstelle, physisches Gold im eigenen Tresor nicht.
Was plant die Tschechische Nationalbank mit ihren Goldreserven?
Gouverneur Aleš Michl hat 100 Tonnen als Ziel ausgegeben. Die Bank kauft dafür kontinuierlich in kleinen Tranchen zu, statt auf günstige Kurse zu warten. Anfang August 2026 lag der Bestand bei gut 72 Tonnen. Als Begründung nennt die Bank vor allem eine bessere Ertragslage und eine breitere Streuung ihrer Reserven.
Wie viel Gold besitzt Ungarn und wo lagert es?
Die Ungarische Nationalbank hält 110 Tonnen und damit den höchsten Bestand ihrer Geschichte. Der Aufbau erfolgte ab 2018 in drei Schritten, ausgehend von gut drei Tonnen. Ein kleinerer Teilbestand lagert in London, der überwiegende Rest im Inland und wurde dort zuletzt 2025 geprüft.
Warum kauft die Bundesbank kein Gold nach?
Deutschland verfügt mit rund 3.350 Tonnen bereits über den zweitgrößten Bestand der Welt und einen entsprechend hohen Goldanteil an den Währungsreserven. Die Bundesbank sieht deshalb keinen Bedarf für zusätzliche Käufe. Die deutsche Debatte dreht sich stattdessen um die Lagerorte, denn nach der Teilrückholung zwischen 2013 und 2017 liegt etwas mehr als die Hälfte im Inland.
Kann man aus Zentralbankkäufen eine Kaufentscheidung ableiten?
Als Signal für den richtigen Zeitpunkt nicht. Notenbanken arbeiten mehrjährige Programme ab und haben andere Anforderungen an Haltedauer und Verfügbarkeit als ein privater Haushalt. Aussagekräftig ist eher ihre Begründung, nämlich die Unabhängigkeit von Gegenparteien und die Absicherung gegen politische Risiken. Ob und in welchem Umfang das für die eigene Vermögensaufteilung passt, bleibt eine persönliche Entscheidung.
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