
Münzen zertifizieren lassen: NGC, PCGS und die Erhaltungsgrade MS70 und PF70 verständlich erklärt
Eine Münze in einer versiegelten Plastikkapsel, ein kleines Etikett und darauf ein Zahlencode wie MS70 oder PF70. Wer sich mit Sammlermünzen beschäftigt, stößt früher oder später auf diese sogenannten geslabten Münzen. Hinter dem nüchternen Code steckt ein ganzes Bewertungssystem, das über den Wiederverkaufswert einer Ausgabe entscheiden kann. Dieser Ratgeber erklärt, was die Zahlen bedeuten, wer sie vergibt und wann sich eine Zertifizierung für Sammler tatsächlich lohnt.
Was bedeutet es, eine Münze zertifizieren zu lassen?
Eine Münze zertifizieren zu lassen bedeutet, sie von einem unabhängigen Bewertungshaus prüfen, klassifizieren und versiegeln zu lassen. Dieses Verfahren nennt sich im Fachjargon Grading oder Third-Party-Grading, weil eine neutrale dritte Partei zwischen Verkäufer und Käufer die Bewertung übernimmt. Das Ergebnis ist eine dauerhaft dokumentierte, vergleichbare Angabe zum Erhaltungszustand.
Am Ende des Verfahrens wird die Münze luftdicht in einen durchsichtigen Kunststoffhalter eingeschweißt. Dieser Halter heißt Slab – daher der Begriff "geslabte Münzen". Auf dem eingelegten Etikett stehen die wichtigsten Daten: Land, Nennwert, Prägejahr, Motiv, die vergebene Note und eine eindeutige Zertifikatsnummer. Über diese Nummer lässt sich die Bewertung online in der Datenbank des jeweiligen Hauses nachschlagen.
Grading erfüllt damit zwei Aufgaben zugleich: Es liefert eine objektive Einschätzung der Prägequalität und der Erhaltung, und es schützt die Münze physisch vor Kratzern, Fingerabdrücken und Umwelteinflüssen. Für den Handel entsteht so eine gemeinsame Sprache, mit der sich Münzen weltweit vergleichen und einordnen lassen.
Die Sheldon-Skala: Von 1 bis 70 erklärt
Das Herzstück der modernen Münzbewertung ist die Sheldon-Skala. Sie reicht von 1 bis 70, wobei 1 den denkbar schlechtesten und 70 den perfekten Zustand beschreibt. Der US-amerikanische Numismatiker William Sheldon veröffentlichte sie Ende der 1940er Jahre, ursprünglich zur Bewertung amerikanischer Cent-Münzen. In den 1970er Jahren wurde sie von der American Numismatic Association überarbeitet und auf alle Münzserien ausgeweitet. Heute bildet sie den internationalen Standard für die Klassifizierung.
Die 70-stufige Skala klingt fein abgestuft, in der Praxis konzentriert sich der Sammlermarkt aber auf das obere Ende. Grob lassen sich folgende Bereiche unterscheiden:
- 1 bis 20 (Poor bis Very Good): stark abgenutzte Umlaufmünzen, Details kaum noch erkennbar.
- 20 bis 58 (Fine bis About Uncirculated): Umlaufmünzen mit sichtbaren, aber noch klaren Details und zunehmend geringeren Abnutzungsspuren.
- 60 bis 70 (Mint State beziehungsweise Proof): ungebrauchte Münzen ohne jede Umlaufspur. Nur hier bewegt sich der Großteil der modernen Sammlerausgaben.
Für neu geprägte Anlage- und Sammlermünzen ist praktisch nur der Bereich zwischen 60 und 70 relevant. Eine frisch aus der Prägeanstalt stammende Münze ohne Umlauf startet dort und wird anhand kleinster Merkmale weiter differenziert: Schlagmarken, Kratzer, die Schärfe der Prägung und die Qualität der Oberfläche.
MS, PF und Reverse Proof: Die wichtigsten Kürzel
Vor der Zahl steht auf dem Slab-Etikett immer ein Kürzel. Es verrät, um welche Art von Prägung es sich handelt. Die Zahl allein sagt nämlich nichts darüber aus, ob eine Münze für den Umlauf oder als Sammlerstück gefertigt wurde.
MS – Mint State (Stempelglanz)
MS steht für "Mint State", auf Deutsch Stempelglanz. Diese Kennzeichnung erhalten Münzen, die im normalen Prägeverfahren hergestellt und nie im Umlauf waren. Klassische Anlagemünzen wie der Krügerrand oder der Maple Leaf werden in dieser Qualität geprägt. Eine Bewertung von MS70 bedeutet eine bei zwanzigfacher Vergrößerung fehlerfreie Münze in Stempelglanz.
PF – Proof (Polierte Platte)
PF (teils auch PR) steht für "Proof", im Deutschen Polierte Platte oder Spiegelglanz. Proof-Münzen entstehen in einem aufwendigeren Verfahren: Die Prägestempel werden poliert und die Rohlinge mehrfach geprägt. Das Ergebnis ist der typische Kontrast aus spiegelndem Hintergrund und mattem, erhabenem Motiv. PF70 ist entsprechend die höchste erreichbare Note für eine Proof-Münze.
Reverse Proof
Beim Reverse Proof wird der klassische Proof-Effekt umgekehrt: Der Hintergrund ist matt, das Motiv dagegen spiegelnd glänzend. Diese Technik kommt bei limitierten Sonderausgaben zum Einsatz und wird auf dem Etikett gesondert vermerkt. Wer die Prägearten im Detail vergleichen möchte, findet in unserem Ratgeber zu Stempelglanz, Polierte Platte, Reverse Proof und High Relief eine ausführliche Erklärung der Herstellungsverfahren.
MS70 und PF70 auf einen Blick
- MS70: makellose Münze in Stempelglanz (normales Prägeverfahren).
- PF70: makellose Münze in Polierter Platte (Proof-Verfahren).
- Beide Noten setzen voraus, dass bei 20-facher Vergrößerung keine Prägefehler oder Beschädigungen sichtbar sind.
- Die Differenz zwischen einer 69 und einer 70 kann den Preis deutlich beeinflussen, obwohl der Unterschied mit bloßem Auge oft nicht erkennbar ist.
Cameo und Ultra Cameo: Der Kontrast zählt
Bei Proof-Münzen taucht auf dem Etikett häufig ein weiterer Zusatz auf: Cameo (CAM) oder Ultra Cameo (UCAM), bei PCGS als Deep Cameo (DCAM) bezeichnet. Diese Angabe beschreibt die Stärke des Kontrasts zwischen dem spiegelnden Grund und dem mattierten Motiv.
- Cameo: deutlicher, klar sichtbarer Kontrast zwischen Feld und Relief.
- Ultra Cameo / Deep Cameo: maximaler Kontrast, das mattierte Motiv wirkt wie ein Scherenschnitt vor tiefschwarzem Spiegel.
Der Zusatz "Ultra Cameo" bei einer PF70-Münze markiert damit die Kombination aus perfekter Erhaltung und höchster Kontrastqualität. Für Sammler ist das ein wichtiges Kriterium, weil ein starker Cameo-Effekt die optische Wirkung der Münze prägt und bei älteren Proof-Ausgaben nicht selbstverständlich ist.
NGC und PCGS: Die beiden großen Grading-Häuser
Wenn von seriöser Zertifizierung die Rede ist, fallen fast immer zwei Namen: NGC und PCGS. Beide sitzen in den USA, gelten als die international führenden Bewertungshäuser und garantieren die von ihnen vergebenen Noten.
- NGC (Numismatic Guaranty Company) wurde 1987 gegründet und hat nach eigenen Angaben mehr als 60 Millionen Münzen zertifiziert. Das Haus unterhält auch einen deutschsprachigen Auftritt und Einreichungswege für den europäischen Markt.
- PCGS (Professional Coin Grading Service) wurde 1985 gegründet und nahm den Betrieb Anfang 1986 auf. Das Unternehmen war der erste kommerzielle Anbieter, der standardisiertes Third-Party-Grading nach der Sheldon-Skala mit versiegelten Slabs in großem Umfang etablierte.
Beide Häuser arbeiten nach der 70-stufigen Skala, verwenden aber teils unterschiedliche Bezeichnungen und Etiketten. So spricht NGC von "Ultra Cameo", PCGS von "Deep Cameo". In der Praxis werden die Noten beider Anbieter im Handel als gleichwertig anerkannt. Neben NGC und PCGS existieren weitere Anbieter, doch am Markt haben sich diese zwei als Referenz durchgesetzt.
Wie läuft die Zertifizierung ab?
Der grundsätzliche Ablauf ist bei beiden Häusern ähnlich. Wer Münzen selbst einreichen möchte, sollte folgende Schritte kennen:
- Anmeldung: Registrierung beim Bewertungshaus, teils ist eine Mitgliedschaft nötig.
- Einreichung: Die Münzen werden mit einem Formular und den erfassten Daten versichert eingeschickt.
- Begutachtung: Fachleute prüfen Echtheit, Prägeart und Erhaltung und vergeben die Note nach der Sheldon-Skala.
- Einkapselung: Die Münze wird im Slab versiegelt und mit Etikett und Zertifikatsnummer versehen.
- Rückversand: Die geslabte Münze geht versichert zurück; die Bewertung ist online abrufbar.
Die Bearbeitungszeit und die Gebühren richten sich nach Servicestufe und Warenwert. Für hochwertige oder seltene Stücke bieten die Häuser schnellere und höher versicherte Tarife an, die entsprechend mehr kosten.
Wann lohnt sich eine Zertifizierung – und wann nicht?
Grading ist kein Selbstzweck. Ob sich der Aufwand rechnet, hängt vor allem von der Art der Münze ab. Die zentrale Frage lautet: Übersteigt der mögliche Mehrwert durch die belegte Bewertung die Kosten aus Gebühr, Versand und Wartezeit?
| Eher sinnvoll | Eher nicht sinnvoll |
|---|---|
| Seltene Sammlerausgaben mit kleiner Auflage | Gängige Anlagemünzen zum reinen Materialwert |
| Proof- und Reverse-Proof-Münzen mit Kontrastqualität | Umlaufmünzen ohne numismatischen Sammlerwert |
| Stücke, bei denen eine 70er-Note realistisch ist | Münzen mit sichtbaren Kratzern oder Schlagmarken |
| Historische Raritäten mit Echtheitsfragen | Geringwertige Münzen, bei denen die Gebühr überwiegt |
Bei klassischen Krügerrand-Anlagemünzen im Stempelglanz steht der Materialwert im Vordergrund. Hier bringt eine Zertifizierung selten einen Aufpreis, der die Kosten deckt. Anders sieht es bei limitierten Sonderprägungen aus: Eine Polierte-Platte-Ausgabe oder ein Reverse-Proof-Krügerrand mit kleiner Auflage kann durch eine belegte Spitzenbewertung im Wiederverkauf spürbar profitieren.
Wichtig ist eine realistische Einschätzung im Vorfeld. Eine Münze mit sichtbaren Fehlern erreicht keine 70, und eine 68 statt 70 kann den erhofften Aufpreis zunichtemachen. Grading garantiert keine höhere Bewertung – es dokumentiert nur den tatsächlichen Zustand.
Die wichtigsten Vorteile und Grenzen
- Vorteil Echtheit: Die Prüfung schließt Fälschungen aus – ein starkes Argument bei hochpreisigen Stücken.
- Vorteil Vergleichbarkeit: Eine standardisierte Note schafft Vertrauen und erleichtert den Verkauf.
- Vorteil Schutz: Der Slab bewahrt die Münze dauerhaft vor Beschädigung.
- Grenze Kosten: Gebühr, Versand und Wartezeit müssen sich rechnen.
- Grenze Haptik: Die versiegelte Münze lässt sich nicht mehr direkt in die Hand nehmen.
Aufgeld und Wiederverkaufswert richtig einordnen
Der Begriff Aufgeld (Agio) beschreibt den Aufpreis über dem reinen Materialwert. Bei zertifizierten Münzen setzt sich dieser Aufpreis aus mehreren Faktoren zusammen: der Seltenheit der Ausgabe, der vergebenen Note und der Nachfrage bei Sammlern. Eine PF70 Ultra Cameo einer limitierten Serie kann ein deutlich höheres Aufgeld tragen als dieselbe Münze ohne Zertifizierung.
Entscheidend ist, dass dieses Aufgeld am Markt bestätigt werden muss. Ein hoher Slab-Wert nützt nur dann etwas, wenn genügend Sammler bereit sind, den Aufpreis zu zahlen. Bei sehr kleinen Auflagen und gefragten Serien ist das häufig der Fall, bei Massenausgaben deutlich seltener. Wer eine Zertifizierung erwägt, sollte deshalb den Sammlermarkt der jeweiligen Serie im Blick behalten.
Als einer der größten deutschen Online-Händler für Edelmetalle führt Kettner Edelmetalle sowohl klassische Anlagemünzen als auch limitierte Sammlerausgaben in Polierter Platte und Reverse Proof – die typischen Kandidaten für eine Zertifizierung. Ein Blick auf Auflagenhöhe und Prägeart hilft, das Potenzial einer Ausgabe realistisch einzuschätzen.
Aktuelle Reverse-Proof-Ausgaben zum Vergleich
Häufige Fragen zur Münz-Zertifizierung
Was bedeutet MS70 bei einer Münze?
MS70 steht für "Mint State 70" und bezeichnet eine im normalen Prägeverfahren hergestellte Münze in Stempelglanz, die bei zwanzigfacher Vergrößerung keinerlei Prägefehler oder Beschädigungen aufweist. Es ist die höchste erreichbare Note auf der Sheldon-Skala für Stempelglanz-Münzen.
Was ist der Unterschied zwischen MS70 und PF70?
Beide Noten stehen für den perfekten Zustand, unterscheiden sich aber im Prägeverfahren. MS70 bezeichnet eine makellose Münze in Stempelglanz (normale Prägung), PF70 eine makellose Münze in Polierter Platte (Proof-Verfahren mit spiegelndem Grund und mattem Motiv).
Was ist der Unterschied zwischen NGC und PCGS?
NGC und PCGS sind die beiden führenden Bewertungshäuser aus den USA. Beide arbeiten nach der Sheldon-Skala und garantieren ihre Noten. Sie verwenden teils unterschiedliche Bezeichnungen – NGC spricht von "Ultra Cameo", PCGS von "Deep Cameo". Im Handel gelten die Noten beider Häuser als gleichwertig.
Was ist eine geslabte Münze?
Eine geslabte Münze ist eine Münze, die von einem Grading-Haus bewertet und anschließend luftdicht in einen durchsichtigen Kunststoffhalter (Slab) eingeschweißt wurde. Auf dem Etikett stehen die Bewertung und eine Zertifikatsnummer, über die sich die Note online nachschlagen lässt.
Lohnt es sich, jede Münze zertifizieren zu lassen?
Nein. Bei gängigen Anlagemünzen zum reinen Materialwert deckt der mögliche Aufpreis die Kosten aus Gebühr und Versand meist nicht. Sinnvoll ist eine Zertifizierung vor allem bei seltenen Sammlerausgaben, Proof-Münzen und Stücken, bei denen eine 70er-Note realistisch ist und der Sammlermarkt einen Aufpreis trägt.
Was bedeutet Cameo und Ultra Cameo?
Cameo und Ultra Cameo beschreiben bei Proof-Münzen die Stärke des Kontrasts zwischen dem spiegelnden Feld und dem mattierten Motiv. Cameo steht für einen deutlichen Kontrast, Ultra Cameo (bei PCGS: Deep Cameo) für den maximal möglichen Kontrast.
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