Verhüllt und verklärt: „Modest Fashion" als Kulturkampf
Auf roten Teppichen, in Hochglanzmagazinen und neuerdings auch im öffentlich-rechtlichen Fernsehen feiert ein Trend Erfolge, der sich selbst als fortschrittlich verkauft: Modest Fashion. Kopftuch, Tschador und Ganzkörperbadeanzug gelten plötzlich als schick, weil divers, als Statement für Selbstbestimmung. Während Frauen in Teheran unter Lebensgefahr das Tuch vom Kopf ziehen und Mädchen in Kabul aus dem öffentlichen Leben verschwinden, posieren freie westliche Frauen mit Schleier vor der Kamera und lassen sich dafür feiern. Wer diesen Widerspruch benennt, gerät schnell selbst unter Verdacht.
Was „Modest Fashion" eigentlich meint
Der Begriff klingt harmlos: „züchtige Mode", also Kleidung, die wenig Haut zeigt. Weite Schnitte, lange Ärmel, hochgeschlossene Kragen, dazu Kopfbedeckungen und Ganzkörperbadeanzüge. Dass sich Menschen aus Geschmack, Zurückhaltung oder schlicht aus Gewohnheit bedeckt kleiden, ist so alt wie die Kleidung selbst und in keiner Weise erklärungsbedürftig.
Erklärungsbedürftig wird es dort, wo aus einer persönlichen Geschmacksfrage ein Marktsegment mit religiös-politischer Grundierung wird. Denn die Wachstumsgeschichte, die die Branche seit Jahren erzählt, dreht sich nicht um schwedische Strickpullover, sondern um Hidschab-Kollektionen, Burkinis und Abaya-Linien. „Modest Fashion" ist in der Praxis überwiegend das, was Kritikerinnen nüchterner benennen: Islamic Fashion.
Genau an dieser Stelle beginnt der Streit. Die einen sehen einen Markt, der eine bislang übersehene Kundengruppe bedient. Die anderen sehen ein Kleidungssystem, das in weiten Teilen der Welt nicht freiwillig ist, mit dem Etikett „Empowerment" versehen und in Gesellschaften exportiert, in denen die Kleiderfrage längst entschieden schien.
Freiwillig verhüllt und stolz darauf
Die prominenten Vorreiterinnen dieser Entwicklung sind keine Neuentdeckung. Bereits im Oktober 2013 posierte Rihanna in Abu Dhabi verschleiert vor der Sheikh-Zayed-Moschee und stellte die Bilder anschließend selbst ins Netz. Nur wenige Monate zuvor hatte sich Madonna für ein Modemagazin mit einer Gesichtsmaske ablichten lassen, die einer traditionellen metallenen Mundverriegelung nachempfunden war -- einem Kleidungsstück, das in besonders strengen Milieus zusätzlich zum Niqab getragen wird.
Wer bei diesem Bild an die Maulkörbe denkt, die die Frauen in Margaret Atwoods Roman Der Report der Magd tragen müssen, liegt nicht daneben. Atwood hat mehrfach beschrieben, dass die politischen Umbrüche ihrer Zeit -- darunter die Islamische Revolution im Iran -- in ihre Dystopie eingeflossen sind. Ein Land, das Frauen binnen weniger Jahre aus der Öffentlichkeit drängt, war eben keine Fantasie, sondern Zeitgeschehen.
Bemerkenswert ist die Umkehrung der Vorzeichen. Was in Teheran ein Zwangsinstrument ist, wird auf dem Instagram-Account einer westlichen Sängerin zum ästhetischen Spiel. Die Trägerin kann den Schleier jederzeit ablegen. Genau diese Wahlfreiheit -- die den Frauen im Iran und in Afghanistan fehlt -- macht die Inszenierung erst möglich und zugleich so schief.
Vom Skandal zur Schaufensterdekoration
Inzwischen ist die Debatte im Alltag angekommen. Als der Bayerische Rundfunk im Rahmen seiner Sendereihe Stationen einen Beitrag über „Modest Fashion" und einen entsprechenden Laden in Nürnberg ausstrahlte, kritisierte die Redaktion der Zeitschrift EMMA, dass kritische Nachfragen ausgeblieben seien und die Lage von Frauen in Ländern wie Iran und Afghanistan nicht vorkam. Auch überregionale Zeitungen griffen den Beitrag auf und diskutierten, ob ein gebührenfinanzierter Sender hier den Unterschied zwischen Modestrecke und politischem Symbol verwischt.
- Perspektive der Befürworter: Eine Frau kleidet sich, wie sie möchte -- und ein Bericht darüber ist schlicht Alltagsjournalismus.
- Perspektive der Kritiker: Wer ein politisch aufgeladenes Kleidungssystem als Lifestyle porträtiert, ohne Zwang und Repression zu erwähnen, liefert eine halbe Geschichte.
- Der eigentliche Streitpunkt: Nicht die Existenz des Trends, sondern die Frage, warum die Kehrseite so konsequent unerwähnt bleibt.
Doppelmoral als Geschäftsmodell
Auffällig ist, wer bei diesem Trend am lautesten applaudiert: häufig genau jene Kreise, die sich sonst als Speerspitze der Frauenrechte verstehen. Säkulare Denkerinnen und Feministinnen der älteren Schule, die zwischen einer Modeentscheidung und einem religiösen Zwangssystem noch unterscheiden, werden dagegen zügig als „islamophob" abgestempelt.
Die französische Philosophin Elisabeth Badinter hat diesen Mechanismus schon vor Jahren scharf beschrieben. Ihr Vorwurf: Der Kampfbegriff der Islamophobie sei radikalen Kräften in die Hand gespielt worden und diene heute vor allem dazu, Kritik am politischen Islam zum Rassismusverdacht umzudeuten. In Deutschland vertritt Alice Schwarzer mit der EMMA seit Jahrzehnten eine ähnliche Position -- und erntet dafür regelmäßig heftigen Widerspruch.
Die drei Ebenen, die selten getrennt werden
- Individuelle Kleiderwahl: Was eine erwachsene Frau in einer freien Gesellschaft anzieht, ist ihre Sache -- unstrittig.
- Kommerzielle Vermarktung: Ein Milliardenmarkt macht aus religiösen Kleidungsvorschriften ein Produkt und verleiht ihnen dadurch Prestige.
- Politische Durchsetzung: In mehreren Staaten ist Verhüllung staatlich erzwungen, mit Strafen bis hin zu Haft und Gewalt.
Wer alle drei Ebenen zu einer einzigen verschmilzt, kann die Debatte nicht mehr sauber führen -- weder in die eine noch in die andere Richtung.
Es gibt bei Menschenrechten offenbar eine stille Rangordnung. Über die erzwungene Verschleierung von Millionen Frauen wird in denselben Milieus, die den Trend als Vielfalt feiern, erstaunlich wenig gesprochen. Diese Leerstelle ist kein Zufall, sondern die logische Folge einer Debattenlage, in der die Angst vor dem falschen Etikett größer ist als das Interesse am Sachverhalt.
Huntington und Houellebecq: die großen Diagnosen
Was im Kleinen an Kopftüchern und Kollektionen sichtbar wird, ist im Großen längst analysiert worden. Samuel Huntington beschrieb bereits 1993 in einem vielbeachteten Aufsatz und drei Jahre später in Buchform den „Kampf der Kulturen". Seine These: Nach dem Ende des Ost-West-Konflikts verlaufen die entscheidenden Bruchlinien nicht mehr zwischen Kapitalismus und Kommunismus, sondern zwischen Zivilisationen, Religionen und Glaubenssystemen.
Huntington ist bis heute umstritten. Viele Politikwissenschaftler halten sein Modell für zu grobkörnig, weil es Konflikte innerhalb von Kulturkreisen unterschätzt. Unbestreitbar ist jedoch, dass kulturelle und religiöse Identität als Konfliktachse zurückgekehrt ist -- in einer Deutlichkeit, die in den 1990er-Jahren viele für überholt hielten.
Michel Houellebecq hat 2015 in seinem Roman Unterwerfung eine literarische Variante desselben Gedankens vorgelegt: ein Frankreich, das sich seines eigenen kulturellen Fundaments freiwillig entledigt und in die Hände einer islamistischen Partei gerät. Nicht durch Eroberung, sondern durch Erschöpfung, Beliebigkeit und den Wunsch nach Anerkennung durch den vermeintlich Stärkeren. Der Roman ist Fiktion -- aber seine Beschreibung einer Elite, die aus Bequemlichkeit kapituliert, hat sich als erstaunlich haltbares Bild erwiesen.
In dieser Perspektive ist Modest Fashion kein harmloser Modetrend, sondern ein kleines, aber sprechendes Symptom eines größeren Prozesses. Der Kulturkampf wird geführt -- nur eben nicht mit Waffen, sondern mit Laufstegen, Talkshows und Algorithmen.
Disruptiv, unübersichtlich, alltäglich
Das Tückische an dieser Auseinandersetzung: Sie verläuft nicht entlang einer klaren Front, sondern auf allen gesellschaftlichen Ebenen gleichzeitig. In der Mode, wenn Verhüllung normalisiert wird. In der Bildungspolitik, wenn über islamischen Religionsunterricht als reguläres Schulfach gestritten wird oder wenn akademische Strömungen jede westliche Tradition unter Generalverdacht stellen. In den Sicherheitsbehörden, wo seit Jahren über Einzelfälle diskutiert wird, in denen Beamte Verbindungen ins kriminelle Milieu unterhalten haben sollen -- Vorgänge, die Innenbehörden und Medien in mehreren Bundesländern beschäftigt haben.
Wer glaubt, das betreffe ihn persönlich nicht, weil er weder Kopftuch trägt noch eines fordert, irrt. Konflikte dieser Art zermürben Gewissheiten Stück für Stück, bis eine Gesellschaft ihre eigenen Grundlagen nicht mehr verteidigt, sondern nur noch relativiert. Die Verschiebung geschieht nicht über Nacht, sondern in kleinen Schritten:
- Ein Thema wird zunächst als Randerscheinung behandelt.
- Dann als bunter Lifestyle porträtiert.
- Anschließend als Normalfall vorausgesetzt.
- Am Ende gilt jede Nachfrage als unanständig.
Diese Dynamik ist nicht auf Kleidungsfragen beschränkt. Man findet sie überall dort, wo gesellschaftliche Selbstverständlichkeiten neu verhandelt werden -- auch beim Geld.
Wenn Debatten das Geld erreichen
Der Zusammenhang ist weniger weit hergeholt, als er klingt. Eine Gesellschaft, die im Streit um Werte unsicher wird, wird auch beim Umgang mit Eigentum und Zahlungsverkehr experimentierfreudiger. In der EU wird seit Jahren am digitalen Euro gearbeitet. Die Europäische Zentralbank betont, es solle sich um eine Ergänzung zum Bargeld handeln, nicht um dessen Ersatz, und programmierbare Verwendungsbeschränkungen seien nicht vorgesehen.
Kritiker halten dagegen, dass jede vollständig digitale Zahlungsinfrastruktur technisch die Möglichkeit schafft, Zahlungsströme nachzuvollziehen und im Konfliktfall zu unterbrechen -- unabhängig davon, was heute politisch beabsichtigt ist. Ob und wie diese Möglichkeiten je genutzt würden, ist offen und Gegenstand einer laufenden politischen Debatte. Wer sie ernst nimmt, kommt zu einer schlichten Schlussfolgerung: Ein Teil des Vermögens sollte nicht ausschließlich in Systemen liegen, die per Knopfdruck erreichbar sind.
Stabil bleiben -- geistig und materiell
In einer Zeit, in der kulturelle, mediale und politische Gewissheiten gleichzeitig ins Wanken geraten, wird persönliche Stabilität zum wichtigsten Kapital. Das hat zwei Seiten.
Die innere Seite
Es bedeutet, das eigene Urteilsvermögen gegen moralische Erpressung zu behaupten. Wer eine Sache für falsch hält, darf das sagen -- sachlich, belegbar und ohne pauschale Herabwürdigung von Menschen. Der Unterschied zwischen der Kritik an einer Ideologie und der Herabsetzung von Personen ist keine Formalie, sondern genau die Trennlinie, die eine ernsthafte Debatte von einer Schlammschlacht unterscheidet.
Die materielle Seite
Wer im Streit steht, sollte nicht vollständig von denen abhängig sein, mit denen er streitet. Physische Edelmetalle sind in diesem Zusammenhang kein Renditeversprechen und keine Wette auf steigende Kurse, sondern schlicht ein Sachwert außerhalb der Bankbilanz. Sie funktionieren ohne Konto, ohne App und ohne Freigabe durch Dritte.
- Physisch statt digital: Barren und Münzen in eigenem Gewahrsam oder in einem Zollfreilager sind kein Buchungsposten, sondern greifbares Eigentum.
- Gestreut statt gebündelt: Eine Mischung aus Goldmünzen, Silbermünzen und Barren verschiedener Größen erhöht die Teilbarkeit.
- Kleine Einheiten mitdenken: Wer nur einen einzigen großen 100-Gramm-Barren besitzt, kann ihn nicht in Teilen veräußern.
- Ruhe bewahren: Edelmetalle schwanken im Preis. Wer sie als Versicherung begreift, muss nicht täglich auf den Kurs schauen.
Der Gedanke dahinter ist alt und unspektakulär: Wer materiell nicht erpressbar ist, muss sich sprachlich keinen Maulkorb anlegen lassen. Ein Blick auf die langfristige Entwicklung von Gold im Verhältnis zur Inflation zeigt, warum Sachwerte in solchen Überlegungen überhaupt eine Rolle spielen.
Was aus der Debatte bleibt
Modest Fashion ist für sich genommen ein Stoffthema. Als Symptom betrachtet, ist sie ein Lehrstück darüber, wie schnell sich Bedeutungen verschieben, wenn ein Markt, ein Milieu und eine Medienlogik in dieselbe Richtung ziehen. Drei Punkte lassen sich festhalten:
| Lesart | Kernaussage | Blinder Fleck |
|---|---|---|
| Mode und Markt | Ein wachsendes Segment bedient eine Kundengruppe. | Blendet die politische Aufladung des Symbols aus. |
| Selbstbestimmung | Jede Frau entscheidet frei über ihre Kleidung. | Gilt nur dort, wo tatsächlich Wahlfreiheit besteht. |
| Kulturkonflikt | Ein Symbol wird normalisiert und damit legitimiert. | Riskiert Pauschalisierung, wenn nicht sauber differenziert wird. |
Die ehrlichste Haltung liegt darin, alle drei Lesarten nebeneinander stehen zu lassen und dennoch klar zu benennen, was nicht verhandelbar ist: Zwang ist kein Lifestyle. Und eine Gesellschaft, die diesen Satz nicht mehr aussprechen mag, hat ein Problem, das weit über Textilien hinausreicht.
Häufige Fragen
Was bedeutet „Modest Fashion" genau?
Wörtlich übersetzt heißt der Begriff „züchtige Mode" und bezeichnet Kleidung, die den Körper weitgehend bedeckt: weite Schnitte, lange Ärmel, hohe Kragen, dazu Kopfbedeckungen und Ganzkörperbadeanzüge. In der Praxis wird der Begriff überwiegend für religiös motivierte Bekleidung verwendet, weshalb Kritikerinnen ihn als beschönigende Bezeichnung für islamische Kleidungsvorschriften einordnen.
Ist Kritik an diesem Trend automatisch islamfeindlich?
Nein. Es gibt einen wesentlichen Unterschied zwischen der Kritik an einer politischen oder religiösen Praxis und der Herabsetzung von Menschen. Wer die Zwangsverschleierung im Iran oder in Afghanistan anprangert, kritisiert ein Herrschaftsinstrument, nicht die Gläubigen. Umgekehrt gilt: Wer Kritik pauschal in rassistische Absichten übersetzt, macht eine sachliche Auseinandersetzung unmöglich.
Was hat Samuel Huntington mit einer Modedebatte zu tun?
Huntington argumentierte 1993, dass künftige Konflikte weniger ideologisch als kulturell und religiös geprägt sein würden. Wer diese These teilt, liest Symbole wie das Kopftuch nicht als Geschmacksfrage, sondern als Marker kultureller Zugehörigkeit. Seine Theorie ist in der Wissenschaft umstritten, prägt die öffentliche Debatte aber bis heute.
Worum geht es im Roman „Unterwerfung" von Michel Houellebecq?
Der 2015 erschienene Roman schildert ein fiktives Frankreich, in dem eine islamistische Partei an die Macht gelangt -- nicht durch Gewalt, sondern durch politische Arrangements und die Gleichgültigkeit der bestehenden Eliten. Das Buch ist Literatur, keine Prognose, wird aber häufig als Zuspitzung realer gesellschaftlicher Erschöpfungserscheinungen gelesen.
Kommt der digitale Euro und wird Bargeld abgeschafft?
Die Europäische Zentralbank arbeitet an einem digitalen Euro und betont, dieser solle das Bargeld ergänzen und nicht ersetzen. Eine politische Entscheidung über die Einführung liegt beim europäischen Gesetzgeber. Kritiker verweisen darauf, dass digitale Infrastrukturen grundsätzlich mehr Steuerungsmöglichkeiten bieten als Bargeld. Wie das Projekt konkret ausgestaltet wird, ist derzeit offen.
Warum werden Edelmetalle in diesem Zusammenhang überhaupt erwähnt?
Weil physisches Gold und Silber Sachwerte außerhalb des Bankensystems sind. Sie benötigen kein Konto, keine App und keine Freigabe Dritter. Das ist keine Aussage über künftige Preisentwicklungen und kein Anlageversprechen, sondern eine Beschreibung ihrer Eigenschaft als greifbares Eigentum. Edelmetallpreise schwanken; ein Kursverlust ist jederzeit möglich.
Wie viel Edelmetall ist sinnvoll?
Dafür gibt es keine allgemeingültige Antwort, da Vermögenslage, Zeithorizont und persönliche Ziele sehr unterschiedlich sind. In der Praxis wird häufig über einen zweistelligen Prozentanteil am Gesamtvermögen diskutiert. Wer eine verbindliche Einschätzung für die eigene Situation sucht, sollte unabhängigen fachlichen Rat einholen. Dieser Beitrag dient ausschließlich der Information und stellt keine Anlageberatung dar.
Hinweis: Dieser Artikel ist ein journalistischer Meinungs- und Analysebeitrag zu einer laufenden gesellschaftlichen Debatte. Er gibt Positionen benannter Autorinnen und Autoren wieder und stellt keine Anlageberatung dar.

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