
Zentralbankkäufe als Preisuntergrenze: Warum der Boden unter dem Goldpreis 2026 hält
Der Goldpreis ist von seinem Rekord zu Jahresbeginn spürbar zurückgekommen, und mit jedem Prozentpunkt Rücksetzer wächst bei physischen Anlegern dieselbe Frage: Wie tief kann es noch gehen? Die Analysten von Goldman Sachs geben darauf eine bemerkenswert klare Antwort. Sie argumentieren, dass die anhaltenden Käufe der Notenbanken eine faktische Preisuntergrenze bilden, einen Boden, unter den der Markt nur schwer nachhaltig fallen kann. Dieser Beitrag ordnet die These ein, zeigt, wo dieser Boden ungefähr verläuft, und erklärt, was das für den Einstieg in einer Korrektur bedeutet.
Warum überhaupt von einer Untergrenze die Rede ist
Der Begriff der Preisuntergrenze klingt nach einer Garantie, und genau das ist er nicht. Kein Marktteilnehmer kann einen Preis dauerhaft festnageln. Was Goldman Sachs meint, ist etwas Nüchterneres: Es gibt eine Käufergruppe, die weitgehend unabhängig vom Tagespreis kauft, aus strategischen und nicht aus spekulativen Motiven. Diese Gruppe sind die Zentralbanken. Sie kaufen Gold, um ihre Währungsreserven zu diversifizieren, ihre Abhängigkeit vom US-Dollar zu verringern und sich gegen geopolitische Risiken abzusichern. Solche Motive verschwinden nicht, wenn der Preis um zehn oder fünfzehn Prozent nachgibt. Im Gegenteil: Ein niedrigerer Preis macht die Käufe für einen strategischen Investor eher attraktiver.
Genau daraus ergibt sich die Logik der Untergrenze. Fällt der Preis, trifft er auf eine Nachfrage, die nicht auf Momentum, sondern auf langfristiger Absicht beruht. Diese Nachfrage wirkt wie ein Polster. Je tiefer der Kurs, desto mehr strategische Käufer treten in den Markt ein und bremsen den Fall. Das ist kein magischer Boden, sondern schlicht das Ergebnis einer strukturell veränderten Nachfragelandschaft.
Die Zahlen hinter der Goldman-These
Die Argumentation von Goldman Sachs stützt sich nicht auf Bauchgefühl, sondern auf konkrete Nachfragedaten. Für den Monat Mai schätzt die Bank die Käufe der Zentralbanken auf rund 81 Tonnen. Auf einer saisonbereinigten Dreimonatsbasis entspricht das etwa 67 Tonnen pro Monat. Zum Vergleich: Vor dem Jahr 2022 lag der Durchschnitt bei nur rund 17 Tonnen pro Monat. Die strukturelle Nachfrage der Notenbanken hat sich also nahezu vervierfacht.
Für die Zukunft rechnet die Bank mit einer allmählichen Normalisierung, aber auf hohem Niveau. Für 2026 hält Goldman an durchschnittlich 50 Tonnen pro Monat fest, für 2027 an 40 Tonnen pro Monat. Selbst diese reduzierten Werte liegen weit über dem Vor-2022-Durchschnitt. Ein wesentlicher Treiber ist dabei China, dessen Notenbank ihre Reserven nach Darstellung der Analysten spürbar aufstockt.
- Mai-Käufe: rund 81 Tonnen, saisonbereinigt etwa 67 Tonnen pro Monat
- Vor 2022: durchschnittlich rund 17 Tonnen pro Monat
- Prognose 2026: durchschnittlich 50 Tonnen pro Monat
- Prognose 2027: durchschnittlich 40 Tonnen pro Monat
Die entscheidende Botschaft dieser Zahlen: Der Markt hat es nicht mehr nur mit Schmuck- und Investmentnachfrage zu tun, die stark vom Preis abhängt, sondern mit einer beständigen strategischen Grundnachfrage, die einen erheblichen Teil der jährlichen Fördermenge absorbiert.
Was der Rücksetzer 2022 mit dem Boden zu tun hat
Der Wendepunkt lässt sich zeitlich recht genau verorten. Nach dem Einfrieren russischer Währungsreserven im Jahr 2022 zogen viele Notenbanken eine unbequeme Lehre: Guthaben in fremden Währungen können im Ernstfall blockiert werden, physisches Gold im eigenen Tresor dagegen nicht. Seither hat die Diversifizierung weg vom Dollar und hin zu Gold spürbar an Tempo gewonnen. Goldman nennt genau diese Entwicklung als Anker für die eigene Preisprognose.
Für Anleger ist dieser Punkt zentral, weil er erklärt, warum die erhöhte Nachfrage kein kurzfristiges Strohfeuer ist. Sie entspringt einer geopolitischen Neuausrichtung, die über Jahre wirkt und nicht mit dem nächsten Zinsentscheid endet. Wer den Boden unter dem Goldpreis verstehen will, muss verstehen, dass er auf einem strukturellen und nicht auf einem konjunkturellen Fundament steht.
Eine Käufergruppe, die aus strategischen Motiven handelt, verschwindet nicht, wenn der Preis fällt. Genau das macht sie zum Fundament unter dem Markt.
Warum der Preis trotzdem korrigiert: die Fed als kurzfristige Gegenkraft
Wenn Notenbanken den Boden stützen, warum fällt der Preis dann überhaupt? Die Antwort liegt in einer zweiten Kraft, die kurzfristig oft lauter ist als die strukturelle Nachfrage: die Geldpolitik der US-Notenbank Fed. Gold wirft keine Zinsen ab. Steigen die erwarteten Realzinsen oder bleibt die nominale Verzinsung attraktiv, steigen damit die Opportunitätskosten für das Halten von Gold. Anleger, die zwischen einer verzinsten Anleihe und unverzinstem Gold wählen, verschieben ihre Gewichtung dann eher weg vom Edelmetall.
Genau dieser Mechanismus erklärt die jüngste Korrektur. Der Markt hat zeitweise die Wahrscheinlichkeit restriktiverer Fed-Signale eingepreist, was die kurzfristige Absicherungsnachfrage nach Gold dämpfte. Goldman beschreibt diesen Effekt als zeitlich versetzt: Kurzfristig bremst die Zinsskepsis, mittelfristig lässt sie nach, sobald der Markt die tatsächliche Zinsentwicklung neu bewertet. Die eigenen Ökonomen der Bank rechnen für das laufende Jahr nicht mit einer Zinserhöhung, weshalb sie diesen Gegenwind als vorübergehend einstufen.
Zwei Kräfte, zwei Zeithorizonte
Es lohnt sich, die beiden Treiber sauber zu trennen, weil sie auf unterschiedlichen Zeitachsen wirken:
- Strukturelle Stütze (langfristig): Notenbankkäufe aus Diversifizierungs- und Sicherheitsmotiven. Sie definieren den Boden.
- Zyklischer Gegenwind (kurzfristig): Zinserwartungen, Realzinsen und Liquiditätsbedingungen. Sie bestimmen die Schwankungen um diesen Boden.
Ein fallender Preis in der Korrektur ist damit kein Widerspruch zur Untergrenzen-These, sondern ihre logische Kehrseite: Der zyklische Gegenwind drückt den Kurs in Richtung des strukturellen Bodens, wo die strategische Nachfrage einsetzt.
Wo verläuft der Boden, und wie belastbar ist die Prognose?
Eine Preisuntergrenze ist keine feste Linie, sondern eine Zone erhöhter Nachfrage. Goldman selbst verweist auf ein Kursziel von rund 4.900 US-Dollar je Feinunze zum Jahresende 2026, das die Bank unter anderem auf die anhaltende Notenbank-Diversifizierung stützt. Zum Zeitpunkt der zugrundeliegenden Analyse wurde Gold bei etwa 3.395 US-Dollar gehandelt. Der Abstand zwischen aktueller Bewertung und Ziel zeigt: Die Bank erwartet, dass die strukturelle Nachfrage über die kurzfristige Zinsskepsis obsiegt.
Wichtig ist die redliche Einordnung: Es handelt sich um eine Prognose, nicht um eine Gewissheit, und andere Häuser sehen es anders. JPMorgan senkte sein Kursziel für das vierte Quartal 2026 um rund ein Viertel auf 4.500 US-Dollar je Feinunze. Bank of America warnte vor weiteren Rückgängen und verwies dabei auf Kursmuster aus den Boomphasen von 1980 und 2011. Das Notenbank-Argument ist also ein tragender Baustein, aber keine garantierte Kursrichtung.
Untergrenze richtig verstehen
Die Notenbanknachfrage begrenzt nach Einschätzung der Analysten die Fallhöhe des Preises, weil sie bei tieferen Kursen eher zunimmt. Sie ist aber kein garantierter Mindestpreis. Kurzfristige Ausschläge nach unten sind jederzeit möglich; die These beschreibt eine strukturelle Stütze, keine Kursgarantie.
Was das für physische Anleger in der Korrektur bedeutet
Für langfristig orientierte Käufer verschiebt die Untergrenzen-These die Perspektive auf einen Rücksetzer. Statt einen fallenden Preis nur als Verlustrisiko zu sehen, lässt er sich als Annäherung an eine Zone erhöhter strategischer Nachfrage lesen. Das nimmt der Korrektur einen Teil ihres Schreckens, ersetzt aber keine solide Strategie. Denn niemand kennt den exakten Tiefpunkt, und der Versuch, ihn punktgenau zu treffen, führt erfahrungsgemäß eher zu Fehlentscheidungen.
Aus dieser Erkenntnis folgt ein nüchterner, häufig genutzter Ansatz: der gestaffelte Einstieg. Statt einen Gesamtbetrag zu einem einzigen Zeitpunkt einzusetzen, wird die Summe auf mehrere Kaufzeitpunkte verteilt. So wird der durchschnittliche Einstandspreis geglättet, und die Sorge, genau vor dem letzten Preisrutsch gekauft zu haben, verliert an Gewicht.
Prinzipien für den Einstieg in einer Korrektur
- Zeit statt Timing: Käufe über mehrere Wochen oder Monate verteilen, statt den vermeintlich perfekten Tiefpunkt zu suchen.
- Struktur vor Stimmung: Die langfristige Nachfragebasis im Blick behalten, nicht die tägliche Schlagzeile.
- Auf gängige Anlageformate setzen: Weltweit bekannte Anlagemünzen und Standardbarren sind liquide und leicht wieder veräußerbar.
- Gesamtkosten prüfen: Aufgeld, Stückelung und spätere Handelbarkeit gehören zur Rechnung, nicht nur der reine Metallpreis.
- Nur einsetzen, was langfristig entbehrlich ist: Physisches Gold ist eine langfristige Position, kein kurzfristiges Handelsinstrument.
Bei der Wahl des Formats geht es weniger um die perfekte Münze als um Liquidität und ein faires Aufgeld. Weltweit anerkannte Anlagemünzen wie der 1 Unze Gold Maple Leaf oder der Krügerrand lassen sich jederzeit unkompliziert veräußern. Wer auf niedrigere Aufgelder pro Gramm achtet, greift häufig zu Standardbarren wie dem 1-Unze-Goldbarren von PAMP Suisse. Einen breiten Überblick bietet die Kategorie Goldmünzen.
Die stille Rolle der Stückelung
Wer gestaffelt kauft, profitiert von einer durchdachten Stückelung. Kleinere Einheiten erlauben es, den Einsatz feiner zu portionieren und flexibler auf Preisbewegungen zu reagieren. Der Preis dafür ist ein höheres Aufgeld je Gramm: Kleine Münzen und Barren kosten in der Herstellung anteilig mehr. Größere Einheiten sind pro Gramm günstiger, dafür weniger teilbar.
Ein pragmatischer Mittelweg besteht darin, den Grundstock über größere, aufgeldgünstige Einheiten aufzubauen und die laufenden gestaffelten Zukäufe über handliche Ein-Unzen-Formate abzuwickeln. So verbindet man niedrige Kosten im Kern mit Flexibilität an den Rändern. Wer die Grundlagen vertiefen will, findet in unserem Magazin weiterführende Beiträge zum Wissensbereich rund um Edelmetalle.
Einordnung: Chancen und Grenzen der Boden-These
Die Notenbank-Untergrenze ist ein plausibles und datengestütztes Argument, aber sie ersetzt keine kritische Distanz. Drei Punkte gehören zur ehrlichen Bilanz:
- Stärke: Die strukturelle Nachfrage ist real, messbar und geopolitisch gut begründet. Sie erklärt, warum Rücksetzer bislang begrenzt blieben.
- Grenze: Notenbanken können ihr Kauftempo drosseln. Die Prognosen von 50 und 40 Tonnen pro Monat sind Annahmen, keine Zusagen.
- Gegenkraft: Kurzfristig dominieren häufig Zins- und Liquiditätsnarrative. Der Boden verhindert keine Volatilität, er begrenzt lediglich die Fallhöhe.
Unterm Strich beschreibt die These eine strukturelle Stütze, die es vor 2022 in dieser Form nicht gab. Für physische Anleger mit langem Horizont ist das ein Argument für Gelassenheit in der Korrektur, nicht für Sorglosigkeit.
Häufige Fragen
Was bedeutet eine Preisuntergrenze beim Goldpreis konkret?
Sie beschreibt eine Zone, in der eine beständige, strategisch motivierte Nachfrage einsetzt und den Preisverfall bremst. Im Fall von Gold sind das vor allem die Käufe der Notenbanken, die bei tieferen Kursen eher zunehmen. Es handelt sich um eine strukturelle Stütze, nicht um einen garantierten Mindestpreis.
Warum kaufen Zentralbanken überhaupt so viel Gold?
Sie diversifizieren ihre Währungsreserven, verringern die Abhängigkeit vom US-Dollar und sichern sich gegen geopolitische Risiken ab. Ein wichtiger Auslöser war das Einfrieren russischer Reserven 2022, das vielen Notenbanken vor Augen führte, dass physisches Gold im eigenen Tresor nicht blockiert werden kann.
Warum fällt der Goldpreis trotz hoher Notenbanknachfrage?
Kurzfristig dominieren oft die Zinserwartungen. Steigen die erwarteten Realzinsen, steigen die Opportunitätskosten für unverzinstes Gold, und die Absicherungsnachfrage lässt vorübergehend nach. Die strukturelle Notenbanknachfrage wirkt dagegen auf einer längeren Zeitachse und begrenzt die Fallhöhe.
Wie belastbar ist die Goldman-Prognose von 4.900 US-Dollar?
Es ist eine begründete Prognose, keine Gewissheit. Sie stützt sich auf die anhaltende Notenbank-Diversifizierung. Andere Häuser sehen es zurückhaltender: JPMorgan senkte sein Kursziel für das vierte Quartal 2026 auf 4.500 US-Dollar, Bank of America warnte vor weiteren Rückgängen. Prognosen sind keine Kursgarantie.
Ist die Korrektur ein guter Zeitpunkt zum Einstieg?
Das hängt vom Anlagehorizont ab und ist keine pauschale Empfehlung. Für langfristig orientierte Käufer nähert sich der Preis in der Korrektur einer Zone erhöhter strategischer Nachfrage. Ein gestaffelter Einstieg über mehrere Zeitpunkte glättet den Einstandspreis und reduziert das Risiko, kurz vor einem weiteren Rücksetzer alles auf einmal einzusetzen.
Welche Goldformate eignen sich für einen gestaffelten Einstieg?
Weltweit anerkannte Anlagemünzen wie Maple Leaf oder Krügerrand sind liquide und leicht wieder veräußerbar. Standardbarren bieten oft ein niedrigeres Aufgeld je Gramm. Eine durchdachte Stückelung verbindet günstige Grundeinheiten mit handlichen Ein-Unzen-Formaten für die laufenden Zukäufe.
Dieser Beitrag dient ausschließlich der Information und stellt keine Anlageberatung, Kauf- oder Verkaufsempfehlung dar. Genannte Prognosen sind Einschätzungen Dritter und keine Zusicherung künftiger Kursentwicklungen. Die Entwicklung von Edelmetallpreisen kann nicht vorhergesagt werden.

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